Von der rosaroten Brille zur heilenden Liebesbeziehung

Die meisten Partnerschaften beginnen mit einer Art Zauber unter dem Nebel der rosaroten Brille. Wir sind fasziniert von dem Anderen und entwickeln eine gemeinsame Zukunftsvision. Irgendwann färbt sich die rosarote Brille grau und die Schattenseiten des so anfänglichen anziehenden Partners werden sichtbar. Jedoch halten wir an unserer Vision fest, was wiederum die Anstrengungen verstärkt, diese rosarote Brille auf unserer Nase zu behalten. Denn unterbewusst gibt es neben vielen anderen Wünschen einen tiefen Wunsch: Wir wollen mit unserem Partner eine neue Erfahrung machen. Durch eine Liebesbeziehung können bei beiden Partnern eine frühe Bindungsgeschichte aktiviert werden, in der es ein zu erlösendes Thema gibt. Dieses beinhaltet Ungelöstes aus der Ahnen- bzw. Familienstruktur, das unser höheres Selbst mit Hilfe unseres Partners endlich ausgleichen möchte. Wir suchen uns unter-be-wusst genau diesen Menschen aus, weil es unser tiefster Seelenwunsch ist uns von alten Themen und Mustern zu befreien. Dazu benötigen wir den Spiegel im Aussen.Je schmerzhafter bestimmte Kindheitssituationen empfunden wurden, desto wichtiger ist es für uns, dass uns der Partner nicht enttäuscht. Er soll sich liebevoller und wertschätzender verhalten als es Mutter oder Vater früher getan haben. Die Psychoanalyse hat erkannt, das durch die Paarbeziehung, die Erinnerung an die Mutter-Kind- oder Vater-Kind-Beziehung aktiviert wird und wir die damals gemachten Beziehungserfahrungen mit dem aktuellen Partner uns wieder ins Leben holen. Wir stellen eine unbefriedigend erlebte Kindheitssituation wieder her, um heute eine bessere Erfahrung zu machen verbunden mit der Hoffnung, uns endlich richtig glücklich fühlen können. Die Verhaltensweisen der Partner wirkt sich auf alle Ebenen der Paarbeziehung aus und zeigt sich in destruktivem Verhalten.

Anhand eines Beispiels könnte dies folgendermassen aussehen: 

Ein Paar weiß nicht, ob seine Bemühungen um die Beziehung noch Sinn machen. Die Partnerin fühlt sich mit ihrem Partner sehr unzufrieden und bemängelt, seine Unselbständigkeit, seine Fehler. Der Partner wiederum reagiert darauf, dass er seiner Partnerin nichts recht machen kann obwohl er sich so inständig darum bemüht. Mittlerweile empfindet er ihre Verhaltensweise als unerträglich und möchte am liebsten weglaufen. Beide finden allein keinen Lösungsansatz und schieben es auf die falsch laufende Kommunikation und fühlen sich vom anderen unverstanden.

Beim Hinschauen auf die Kindheitserfahrungen der Partnerin stellte sich raus, dass diese unter ihrer dominanten Mutter gelitten hatte und mit ihrem Partner die Erfahrung machen möchte, endlich selbst über sich bestimmen zu können. Interessanterweise hat sie sich in einen Mann verliebt, den sie genauso dominieren kann, wie es damals ihre Mutter tat. Unbewusst übernimmt sie das Verhalten ihrer Mutter und schont sich dabei auch selbst nicht. Sie lebt das Motto ihrer Mutter: „Wenn du deine Aufgaben möglichst perfekt erledigst, bist du gut genug und wirst die Zuneigung erhalten, die du dir so sehr wünschst!“ Diese Kindheitserfahrung hat sie mit unterbewusst bis in ihr Erwachsenenleben übernommen. Sie steht unter dem unbewussten Zwang „perfekt sein zu müssen, um geliebt zu werden“. Indem sie im Kind-Ich verweilt, gibt sie diesen Druck unbewusst an ihren Partner weiter. Er soll perfekt sein, macht aber in ihren Augen einfach nichts gut genug und wird daher ständig kritisiert. Daraus resultiert die unbewusst Hoffnung: Wenn er endlich perfekt ist, wird sie sich bestätigt und geliebt fühlen.

Ihr Partner hatte angeblich seine Kindheit sehr harmonisch erlebt und hat Muster erlernt, wie er sich verhalten musste, um seinen Eltern zu gefallen und ihnen keinen Kummer zu bereiten. Er trug das Motto in sich: „Sei ein guter Junge, dann haben wir dich lieb! Sein Bedürfnis geliebt zu werden mit seinen Schattenseiten, sich so zu zeigen wie seine Eltern es nicht wünschten, verdrängte er. In der Beziehung meldet sich dieser Wunsch auf Seelenebene wieder und er erwartete von seiner Partnerin die Erlaubnis. Er selbst lebt das als Kind erfahren Muster der harmonischen Partnerschaft weiter und wünscht sich, dass sie sich lieb, zufrieden und friedlich verhält. Seine un-bewusste Hoffnung ist: Wenn Sie nicht so aggressiv und streng ist, kann er seine bisher nicht gelebten Seiten zeigen und erfahren, dass sie ihn trotzdem liebt. Daher versucht er ihr alles recht zu machen, aber völlig erfolglos.

Beide Partner sind sich nicht bewusst, dass sie ihre Muster aus der Eltern-Kind-Beziehung wiederholen. Somit entsteht ein immer wiederkehrendes Streitmuster in der Beziehung indem sich beide Seiten nicht wert geschätzt fühlen, unverstanden und mit Kränkung und Enttäuschung reagieren. Je öfter sie in die Wiederholung ihres Streitmusters fallen umso mehr wächst die Hilflosigkeit und das Ohnmachtsgefühl. Die Partner entfernen sich voneinander und verfallen in die Persönlichkeitsanteile ihres damaligen Kindes. Die Beziehungsebene wird nicht mehr vom Erwachsenen-Ich gelebt, sondern vom hilflosen Kind-Ich und wird von Handlungsunfähigkeit begleitet. Diese Szenen werden unterbewusst immer wieder aufs neue wiederholt, aus dem tiefen Bedürfnis des Unterbewusstseins sich von den alten Traumatas und Kindheitserfahrungen zu lösen. Dieser Prozess kann schmerzlich und kraftraubend sein, da sich beide nicht bewusst sind, was sich wirklich bei ihnen abspielt und sie die Unfähigkeit auf den anderen projezieren. Die kindheitliche Ent-täuschungswut wird in der Beziehung sichtbar. 


Wie kann man aus dieser Ent-täuschungsspirale einen Ausweg finden?

Nichts mehr als eine Liebesbeziehung kann einen Menschen so sehr zu sich selbst führen, wenn er erkennt, dass der andere nur der Auslöser, ein Spiegel ist, um seine alten schmerzhaften Kindheitserfahrungen heilen zu können. Die Frage ist, ob nach dieser Erkenntnis man bereit ist sich die Fragen zu stellen:

Bin ich bereit dazu eine gute Beziehung führen zu wollen?

Bin ich bereit dazu meinen Anteil und meine Verantwortung dafür zu übernehmen?

Bin ich bereit dazu mich meinen schmerzhaften Themen zu stellen und sie zu heilen?

Gehe ich den Weg meinen Kindheitsschmerz zu spüren, bei mir zu bleiben und mich meinem Schmerz zu stellen, damit ich meine alten Muster lösen kann? Erkenne ich, dass ich als erwachsener Mensch mein Schicksal selbst gestalten kann und handel ich selbtbestimmt oder verfalle ich in eine selbstzerstörerische Opferhaltung?

Die Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zu Heilung von destruktiven Kindheitsmustern. Durch diese Erkenntnis kann man seinen Partner auf eine andere Weise sehen, denn dieser hat die gleichen tiefen Wünsche wie man selbst – einfach nur geliebt werden, auch wenn man sich mal nicht „korrekt“ verhält und anerkannt werden in seinem MenschSEIN. Dies ist die Voraussetzung dafür, dass die Liebe wieder aus dem Erwachsenen-Ich fließen kann.

In dem oben genannten Beispiel kann es hier z.B. bei einem erkennen  des Wiederholungsmusters dazu führen, dass die Partnerin weiss, das hinter ihrem Verhalten dem Perfektionsanspruch an den Partner eine fehlende Selbstliebe und Selbstannahme steckt. Die Annahme kann dazu führen, dass sie ihrem schmerzhaften Kindheitstrauma Raum gibt und dies mit Mitgefühl annimmt, so dass das Muster sich langsam nach und nach lösen kann. Sobald sie wertschätzender und verständnisvoller mit sich selbst umgeht, wird sie auch ihre Verhaltensweise ihrem Partner gegenüber verändern.

Dem Partner fehlt es an Selbstliebe und so lässt er immer wieder zu von ihr verletzt zu werden. Wenn er sein Gefühl der Verletzung und Unterdrückung liebevoll zulassen kann, lernt für sich selbst zu sorgen, seinen Bedürfnissen mehr Raum zu geben, findet er seine eigene Identität.

Somit werden beider Partner nicht mehr durch fehlende Selbstliebe von dem anderen die fehlende Liebe, die sie von ihren Eltern nicht erhalten haben, vom anderen erwarten. Dadurch entsteht ein anderer Blickwinkel auf die Situation und eine verständnisvolle und mitfühlende Sichtweise für den anderen. Man sieht nicht mehr aus der eigenen Prägung heraus, sondern nimmt den Partner in seinem SOSEIN wahr. 

Oft bringt diese Erkenntnis beiden Partnern eine Erleichterung, da man erkennt, dass der andere nicht das Problem ist, sondern dieser genauso ein Kindheitsproblem mit sich trägt wie man selbst. Man erkennt, dass die verursachten Verletzungen nicht mutwillig geschehen sind und man kann sich selbst verzeihen, dass man dem Menschen, für den man eine tiefe Liebe empfindet Schmerz, aus dem eigenem Schmerz, zugefügt hat. Man gibt dem anderen den Raum, den er benötigt, weil man erkannt hat, dass Liebe Distanz und Selbstbestimmung benötigt. Dies führt zu einer Beziehung auf Augenhöhe und erhöht den wertschätzenden und verständnisvollen Umgang miteinander. 

Folgende Fragen sind dabei eine große Hilfestellung: 

  • Wer bin ich eigentlich?
  • Was ist meine Sinnhaftigkeit in diesem Leben?
  • Welche Lebens-Werte, -Ziele und –Visionen habe ich?
  • Was ist das besondere an unserer Beziehung?
  • Was lief gut und was lief schlecht?(oft neigt man dazu nur noch die negativen Dinge zu sehen)
  • Haben wir eine gemeinsame Beziehungsvision?
  • Was bedeutet mein Partner mir?

Wenn diese Fragen wahrhaftig und ehrlich von jedem beantwortet wurden und man sich entschieden hat den Weg gemeinsam weiter zu gehen, dann ist ein wichtiger Indikator Rituale in die Beziehung einzubauen. Sollte man zu dem Entschluss kommen, dass man getrennte Wege geht, sollte man einen respektvollen Abschluss finden, so dass jeder Partner mit einem „guten“ Gefühl seinen eigenen Weg beschreiten kann.

Rituale für eine be-wusste und verständnissvolle Liebesbeziehung

  • Paar-Meditation
  • Gemeinsame Auszeit
  • Ritual der Aufmerksamkeit